27. November 2023

Vino de Pago: Auf der Suche nach dem Weg aus der Sackgasse

Wie steht es um die »Spitze« der spanischen Qualitätspyramide?

Im Wein trifft ein fast schon atomistisch anmutendes Angebot auf einen völlig reizüberfluteten Markt. Da ist es naheliegend, dass wir alle nach dem Ariadnefaden durch dieses Labyrinth suchen. Und was liegt da näher als Regeln und Klassifikationen, also absolut anmutende Maßstäbe zu erschaffen? 

Was dabei für viele Weintrinker ein Hilfsmittel ist, ist für viele Produzenten aber auch ein Korsett. Nicht selten definieren diese Klassifikationen auch Teile der Weinherstellung und des Ausbaus. Diese wiederum sind bei Händler und interessierten Weintrinkern fest gespeichert und dann gehört ein wenig Mut, Vision und kreatives Selbstbewusstsein dazu, sich darüber hinwegzusetzen. 

Vino de Pago ist die höchste Qualifikation im spanischen Weinrecht

Kommen wir nun zu Spanien. Seit 20 Jahren gibt es dort als höchste Klassifikation »Vino de Pago«, die Parallelen zu den Grand Cru Frankreichs hat. Ganz Spanien? Nur theoretisch. 

Aber erst einmal: Was ist überhaupt ein Vino de Pago? Eine herausragende Lage mit besonderem Mikroklima, die historisch bekannt ist, sind wesentliche Kriterien. Dabei handelt es sich auch um eine eigenständige Herkunftsangabe (es darf keine weitere Herkunft angegeben werden) und ein Kontrollsystem, welches DOCa Anforderungen erfüllt. Die Trauben müssen aus den Pago-Weinbergen stammen, die Rebsorten müssen für die Klassifikation zugelassen sein und die Verarbeitung muss auf dem (nahegelegenen) Weingut erfolgen. Sofern das Weingut – dann unter abweichendem Namen (Finca Terrarazzo gehört bspw. zu Bodega Musteguillo, Dominio de Valdepusa gehört zu Marqués de Griñon, usw) – DO-Weine oder Vino de La Tierra produziert, müssen diese Weine zur Produktion und Lagerung räumlich getrennt sein. Zudem kann jede Autonome Region zusätzliche Bedingungen an den Status knüpfen (z. B. muss sich in Aragon eine Siedlung auf dem Gut befinden!). Und natürlich dauert es einige Zeit, ehe man den Status erwerben kann (mindestens 5 Jahre). 

Sind Vinos de Pago also die besten Weine Spaniens?

Theoretisch ja. Aber praktisch weit gefehlt. Zu viele verschiedene Interessen. Zu viel Geld und zu viel politischer Eigennutz. So sind sie nur ein Teil der Spitze. In Rioja gibt es seit 2017 »Viñedos Singulares« (derzeit über 130, was angesichts der spanienweit 24 Vino de Pago-Weingüter seit 2003 inflationär anmutet) und in Katalonien die »Vinos de Finca«, die Parallelen aufweisen, aber auch stärkere Vorgaben zur Herstellung machen (z. B. Ausbau in Holz mit maximal 600l Füllvolumen – angesichts der immer spannenderen Tinajas ein langweilig konservatives Korsett).

Und damit die Verwirrung perfekt ist: Wurde die Lage bzw. der Weinberg bereits vor der Einführung der Vino de Pago-Klassifikation als »Pago« vermarktet, so darf sie auch weiterhin diesen Namen verwenden. In diesem Fall sorgt dann die Angabe der abweichenden DO oder niedrigeren Klassifikation für Klarheit – theoretisch.

Sind die Vinos de Pago wenigstens besonders? 

Ich hatte mal bei einer Prowein (die größte Weinmesse der Welt, die jährlich in Düsseldorf stattfindet; Anmerkung der Redaktion) das Vergnügen, dass sich Toni Sarrión von Pago El Terrarazzo die Zeit genommen hat, seine Philosophie und seine Vision zu erklären. Eine Wühlmaus auf Acid ist nichts gegen seine Suche nach Kalkadern in den Weinbergen für seinen geliebten Bobal – es lohnt sich. 

Pago Ayles hat ein mittelalterliches Kirchengut wiedervereint und zeigt inmitten eines Naturschutzgebietes (dies ist der größte Teil des Gutes) das Potenzial des aus dieser Region stammenden Garnacha. 

Pago Guijoso produziert traumhafte Käse und Wein auf über 1.000m Höhe – was hier mit Chardonnay, Garnacha Fina, Sauvignon Blanc und sogar dem meist langweiligen Tempranillo geschieht, ist atemberaubend schlank, elegant und selbstbewusst.

Visionäre und Erneuerer des Weinbaus in Spanien

Aber es sind nicht nur die Weine, sondern auch die Menschen, die diese Weine besonders machen. Noch sind es nur (meist wohlhabende) Visionäre, die diesen langen und auch sehr kostspieligen Weg gehen, der selbst nach 20 Jahren kaum verstanden wird. Hier sind neben dem anderen Extrem, den im allerpositivsten Sinne Anarchisten mit ihren revolutionären Mikroweingütern, die Veränderer und Erneuerer des Weinbaus zu finden. Hier gibt es nicht die holzertränkten Gran Reservas. Dafür aber Weine, die einen terroirgeprägten Spannungsbogen ins Glas bringen und einen möglichen Ausblick auf Morgen erlauben.

Kommen wir auf den Anfang zurück. Bislang fühlte ich mich bei Vinos de Pago wie ein moderner Theseus – immer mit dem (roten) Faden auf dem richtigen Weg zu großartigen Weinen. Doch die Minotaurischen Klischees sind hartnäckig:

Spanien kann keine Weißweine.

Spanien hat Power.

Spanien hat viel Holz.

Spanien macht nur gereifte Rotweine.

Eigentlich sind Vinos de Pago prädestiniert, sich diesen Vorurteilen zu stellen. Sie sind anders. Sie sind modern. Sie sind weiß, rot und rosé. Sie haben Holz genauso wie Stahl, Beton oder Tinajas. Sie sind Kompetenzträger und Hoffnungsschimmer. Sie zeigen Wege auf, aber sie sind auch zu kompliziert, um von allen verstanden zu werden. 

Eine beleuchtete Wand mit Weinflaschen beim Weingut Pago Aylés
©René Bell

Lichtspiele bei Pago Aylés

Blick auf die Bodega Pago Aylés vom Weinberg aus
©René Bell

Pago Ayles: der einzige Vino de Pago aus Aragón

Weinberge Pago Aylés
©René Bell

Vinos de Pago sind besondere Weinlagen

Der Innenhof der Bodega Pago Aylés
©Pago Aylés

Der Innenhof von Pago Aylés

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