Anís del Mono: Tiere, Menschen, Sensationen
Anís del Mono ist Likör und Kulturgut gleichermaßen.
Anís del Mono ist Likör und Kulturgut gleichermaßen. Eine Verneigung vor Avantgarde und Frühstücksspirituose.
Die schlanke Flasche mit dem auffälligen Relief zählt zur Grundausstattung jeder spanischen Bar – zumindest gefühlt. Ohne Zweifel gibt es noch viele andere und gute seiner Anis-Art, dennoch ist der Anís del Mono einzigartig. Nicht nur wegen des erhabenen Spiels aus Rauten auf dem Flaschenkörper oder wegen des auffälligen, roten Etiketts mit dem namensgebenden Affen. Der allerdings zeigt durchaus menschliche Züge im Gesicht, was ein wenig irritiert. Sieht man vom Schwanz und der starken Behaarung ab, könnte dieser Kopf auch auf einem Hipster Körper sitzen.
Anis del Mono: ein Affe, zwei Geschichten
Die offizielle Geschichte vom Affen auf dem Etikett verweist auf ein lebendiges Vorbild. Als Geschenk eines Geschäftspartners aus Südamerika landet ein kleiner Affe bei Vicente Bosch, einem der beiden Gründerbrüder der Marke, im heimischen Badalona. Dieser Affe soll das Etikett inspiriert haben … zumindest aber den Namen. Denn kaum zu glauben, dass der Haustier-Affe bei den Boschs so ausgesehen hat wie es bis heute die Flasche zeigt.
Tatsächlich ist das menschenähnliche Antlitz des Anis-Affen Auslöser einer weiteren Geschichte rund um das Etikett und das Markengesicht. Zur Einordnung : 1870 erblickt Anis del Mono das Licht der Spirituosenwelt. Elf Jahre zuvor postuliert Charles Darwin mit »On the Origin of Species« die Abstammung des Menschen vom Affen. Der recht katholische Vicente Bosch sei damit gar nicht einverstanden gewesen, heißt es, weshalb er sich mit seinem Menschen-Affen auf dem Etikett darüber lustig mache. So erzählt es die zweite Geschichte.
Frühstücksspirituose zum Kaffee: buenos días
In diesen gesundheitspuritanischen Zeiten erscheint es kaum vorstellbar, dass der Anís del Mono eine Vorgeschichte als klassische Frühstücksspirituose vorweist. Dieser ehemals nicht unübliche Einstieg in den Tag liegt mittlerweile fern jeglicher Konsumempfehlung. Dabei vollzog / vollzieht sich das Frühstücksritual in aller Öffentlichkeit: eben in der Bar um die Ecke, am meisten im Winter und fast immer mit Kaffee.
Das lässt sich gut erklären, da eine überschaubare Dosis Alkohol, Zucker und Koffein den menschlichen Organismus erst einmal anschiebt. Die spanischen Winter jenseits der Küstenregionen sind nämlich kalt und da kommt die Copita de Anís zum Kaffee und der Tostada gerade recht. Noch besser, den Anis direkt in den Kaffee geben, gleich ob solo oder con leche, und mit dieser Carajillo-Variante den Start in den Tag ohne großes Aufsehen, aber pragmatisch zelebrieren.
Anis del Mono »Unter dem Vulkan«
Das mit dem Starter-Effekt des Anis del Mono scheint übrigens auch für die Weltliteratur zu gelten. Zumindest wenn man Malcolm Lowry und seinem Trinker-Roman »Unter dem Vulkan« folgt: »Kurz vor Sonnenuntergang am Tag der Toten im November 1939 saßen zwei Herren in weißen Flanellanzügen Anis trinkend auf der großen Terrasse des Casinos«. So steht es direkt zu Beginn. In den folgenden Zeilen wird klar, es handelt sich um einen Anís del Mono, doch die Figur auf dem Etikett ist hier weder Mensch noch Affe, es ist »ein feuerroter Teufel mit einer Mistgabel«.
Da weiß der erfahrene Romanleser eigentlich schon auf Seite 2, dass die Geschichte des Konsuls nicht gut ausgehen wird. Und es liegt beileibe nicht am Anís del Mono, denn kaum ein anderer Roman der Weltliteratur erwähnt alkoholhaltige Getränke in dieser überbordenden Menge und Unterschiedlichkeit wie Lowrys »Unter dem Vulkan«. Den literarischen Teufel hat der Mono auf dem Etikett irgendwann abgeschüttelt, der bildenden Kunst ist er treu geblieben.
Jugendstil & Kubismus: Affen für die Nachwelt
Ebenfalls auf Vincente Bosch geht die Idee zurück, 1897 einen Plakatwettbewerb auszuloben, um den Affen werbewirksam unter die Leute zu bringen. Es gewinnt der Jugendstil-Künstler Ramón Casas mit dem inzwischen legendären Plakat »Mona y Mono«. Und siehe da, angesichts der feinen Dame ist der Affe handzahm geworden. An der linken Hand führt sie ihn, in der anderen hält sie ein Gläschen Anís del Mono bereit. Aus dem maskulinen Primaten des Etiketts ist hier ein Schoßäffchen geworden, das die schöne Flasche hinterhertragen darf.
Bild: Ramon Casas, Public Domain, via Wikimedia Commons
Absolute Avantgarde erfährt der Affe als kein geringerer als Juan Gris 1914 sein berühmtes »Anís del Mono« vorstellt. Ausgehend vom Etikett, dass mit dem roten Affenmenschen immer noch im Zentrum des Bildes steht, nimmt er die rauten-geriffelte Flasche kubistisch auseinander. Ihre Ausschnitte mischen sich mit Zeitungsfragmenten und dem Hintergrund eines Holztisches. Bis heute ein Bild von meditativer Kraft – nicht nur für Anís del Mono Aficionados.
Instagram avant la lettre: Social Media Affe
Das Etikett von Anís del Mono ist keine Design Ikone. Da geht es nicht um feinsinnige Typographie, raffinierte Anordnung und klare Fokussierung auf das Wesentliche. Das Etikett mit dem Affenmenschen und den Flaschen im Hintergrund kreiert vielmehr eine Geschichte, die unterschiedlich erzählt werden kann. In diesem Sinne ist das Etikett das ideale Social Media-Bild: eines, das viel zulässt, aber nichts erklärt. Und tatsächlich lebt dieses Erbe bis heute fort.
Am Strand von Badalona lädt eine lebensgroße Skulptur des Affen zum Selfie vor Urlaubskulisse ein. Es genügt in Instagram mit den Hashtags #badalona und #anisdelmono zu suchen, um zweierlei zu verstehen. Zum einen ist der Affe längst im sozialmedialen Zeitalter angekommen, andererseits können Insta-Pics einem Malcolm Lowry oder Juan Gris natürlich nicht das Wasser reichen. Macht ja nix.
Der beste Anis: wissenschaftlich belegt
Ein Detail gilt es noch nachzutragen. Der Affe auf dem Etikett hält eine Schriftrolle, eine Art Urkunde in der Hand. Darin wird dem Anís del Mono bescheinigt, dass er nach Aussage der Wissenschaft der Beste sei: »Es el mejor, la ciencia lo dijo«. Doch dann folgt ein Nachsatz von ebenso ironischer Spitze. Nach dem bekannten Paradox »Der Kreter sagt, dass alle Kreter lügen« heißt es auf der Schriftrolle: »y yo no miento«. Das ist rhetorisch betrachtet noch teuflischer und möglichen Fake News immer einen Schritt voraus.
Nicht wissenschaftlich, aber persönlich belegt ist, dass der Anis eine urspanische Spirituosenerfahrung ist, die leider fast nur noch als Digestif zelebriert wird, da seine Tradition als Frühstücksspirituose aus der Zeit gefallen ist. Dabei hat der Anís del Mono ohne Zweifel seinen festen Platz im Olymp der Liköre inne und sollte mindestens ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen werden: y yo no miento.
Mehr zum Thema auf die Ohren im GARGANTUA Podcast: Höllenvisionen – El Mono und Tequila unter dem Vulkan.
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