Eigentlich wollte ich die Galicia Wine Taste zum Anlass nehmen, um mich der Rebsorte Mencía stärker zu widmen. In den letzten Jahren hat diese Rotweinsorte, die als autochthone Rebsorte des Bierzo-Gebiets angesehen wird (auch wenn sie ursprünglich wahrscheinlich aus Portugal stammt, wo sie unter dem Namen Jaen firmiert), für einiges Aufsehen gesorgt hat, gerade auch außerhalb des Landes. Mittlerweile ist die Rebsorte im ganzen Nordwesten Spaniens heimisch. Viele Mencía-Weine entsprechen dem aktuellen Trend, der weniger schwere Rotweine nachfragt sowie weniger Holz, dafür mehr Struktur und Herkunft fordert. Die besten Mencías kommen aus dem Bierzo und der Ribeira Sacra, auch wenn im Ribeiro-Gebiet (meist Cuvées oder Gemischte Sätze) oder in Monterrei auch sehr schöne Weine entstehen.
Mencía wird als Pinot Noir Spaniens gefeiert. Oder doch als Cabernet Franc? Finde es am besten selbst heraus!
Die guten Exemplare zeichnen sich durch Eleganz, mineralische Spannung und eine durch eine feine Säure getragene frischere Stilistik aus, die manch Weinkritiker:innen dazu brachte, vom »Pinot Noir Spaniens« zu sprechen, was sich schnell verbreitet hat. Manche Mencías erinnern mehr an kühle und zugleich griffig-würzige, leicht krautige Cabernet Francs aus dem Loire-Tal. So oder so: diese Vergleiche sind lobend gemeint, auch wenn sie nicht zu wörtlich genommen werden sollten. Tatsächlich haben Mencía-Weine in der Regel mehr Power oder Fleisch auf den Rippen als klassische Pinot Noirs. Dennoch passt der Vergleich gut, nicht nur hinsichtlich seiner charakteristischen Säure und des häufig komplexeren, feingliedrigen Stils, sondern auch wegen der Gegenüberstellung zu den typischen Rotweinen aus dem Nordosten Spaniens, analog zur klassischen Gegenüberstellung Burgund – Bordeaux. Es ist kein Zufall, dass sich das Bierzo nicht am im Spanien weitverbreiteten Reifesystem (Crianza, Reserva, Gran Reserva) orientiert, sondern am burgundischen Klassifikationssystem mit seinen Orts- und Lagenweinen.
Mencía bekommt in Galicien und im Bierzo Gesellschaft...
Mencía ist also ein spannendes Thema. Eigentlich. Auf der Messe, auf der überwiegend kleine, familiengeführte Weingüter verteten waren, habe ich es mir dann aber anders überlegt. Denn Mencía kann man aktuell nicht alleine betrachten, wenn man sich ein (Rotwein-)Bild der Region machen möchte. Mencía ist aktuell mit drei großen Herausforderungen konfrontiert: dem weltweit zurückgehenden Weinkonsum, der steigenden Nachfrage nach Weißweinen und den damit verbundenen sinkenden Rotwein-Verkäufen, sowie der Wiederbelebung autochthoner roter Rebsorten, die der Mencía-Traube den Platz in den kleiner werdenden (Rot)Weinbergen streitig machen. Die Weingüter gehen mit dieser Situation sehr unterschiedlich um.
Mencía ist immer noch mit weitem Abstand die Nummer 1 der roten Rebsorten im Nordwesten Spaniens
Während im Bierzo Mencía die bestimmende und prägende Rebsorte ist (mehr als 70 Prozent der Weinberge sind damit bepflanzt, der Rest überwiegend mit der weißen Sorte Godello), verhält sich die Situation in der Ribeira Sacra etwas anders. Dort ist Mencía zwar ebenfalls die dominierende Rebsorte, mit einem Anteil an der gesamten Rebfläche, der noch über dem des Bierzo liegt. Allerdings wird Mencía von vielen Weingütern in der Ribeira Sacra nicht als heimische Rebsorte betrachtet, auch wenn sie wie das Bierzo zum »Weinkulturraum« Siltal (nach dem Fluss Sil) gehören. Aber dazu gleich mehr. Für die meisten Weingüter bleibt Mencía dennoch die erste Wahl, wie folgender kurzer historischer Abriss veranschaulicht.
Der Rettungsanker nach der Reblaus-Katastrophe
Nach der Reblaus-Katastrophe, die Ende des 19. Jahrhunderts nahezu alle Weinberge im Nordwesten Spaniens (wie im Rest Europas) vernichtete, wurde die frühere Mischbepflanzung mit zahlreichen autochthonen Rebsorten weitgehend aufgegeben und verstärkt auf Mencía gesetzt. Diese Rotweinsorte ist robust und ertragsreich und erwies sich somit als guter Freund der leidgeplagten Winzerfamilien. Der Ertragsreichtum wurde auch eifrig genutzt, was viele Jahrzehnte nicht gerade zum guten Ruf der Rebsorte beigetragen hat, bis dann in den 1990er Jahren einige Pioniere das Potenzial der Weinregionen Bierzo und Ribeira Sacra sahen und aufdeckten. Auch heute noch sind die Mencía-Weinberge in diesen Zonen häufig sehr alt und stammen teils noch aus der Zeit nach der Reblaus. Das erklärt auch, warum viele Weingüter aus der Ribeira Sacra dem Mencía treu bleiben: es macht einfach keinen Sinn, uralte Weinberge umzupfropfen und die meisten bringen es auch gar nicht übers Herz.
Bestehende Weinberge werden neu »programmiert«
Umpfropfen? Genau! Die meisten Weingüter, mit denen ich auf der Messe gesprochen habe, nehmen substanzielle Änderungen in ihrem Rebsortenspiegel vor. Die wenigsten tun dies, indem sie alte Rebstöcke herausreissen und neue junge Reben anpflanzen. Dann müsste man nämlich 3 bis 4 Jahre bis zur nächsten bzw. ersten Ernte warten. Schneller geht es, wenn man die bereits existierenden Rebstöcke umpfropft, idealerweise nicht die ganz alten. Beim Umpfropfen wird ein bestehender Rebstock oben abgeschnitten und ein Trieb (ein sogenannter Edelreis) einer neuen Rebsorte in den Stamm eingesetzt. Dieser wächst mit dem alten Wurzelstock zusammen und bringt dann schon im zweiten Jahr Trauben der neuen Sorte hervor. Klingt wie Zauberei, ist aber im Gartenbau ein verbreitetes Verfahren.
Aus Mencía wird Godello … oder Brancellao
So werden aus Mencía-Reben bspw. im Handumdrehen Godello-Reben, die wunderbar die explodierende Nachfrage nach diesem Weißwein bedienen können. Und genau das machen viele Weingüter aktuell. In Deutschland mag dieser Trend vielleicht noch nicht vollumfänglich angekommen sein, aber in Spanien ist Godello muy de moda. So wie zuvor zahlreiche Weingüter auf den Albariño-Boom aufgesprungen sind (der langsam nachlässt), pflanzen alle, die können, jetzt Godello an. Fast alle zumindest, denn manch Weingut sieht schon die Gefahr einer Marktübersättigung und hält sich mit Blick auf die Zukunft zurück. Der Weißwein-Trend kommt vielen Weingütern gut gelegen, wie einige Winzer:innen achselzuckend lächelnd bestätigten, denn Weißwein ist i. d. R. schneller und kostengünstiger herzustellen als Rotwein.
Galicien besinnt sich auf seine autochthonen Rebsorten
Aber nicht nur Godello mobbt den Mencía aus dem Weinberg. Es sind auch die früher Vertriebenen bzw. die lange geschmähten roten Trauben wie Brancellao, Merenzao (im Jura als Trousseau bekannt), Sousón, Caíño und Co, die nicht mehr länger im Abseits stehen wollen. Bildlich gesprochen. Natürlich ist es die Nachfrage. Das wachsende Interesse an Charakter und Herkunft bei Wein, aber auch das sich wandelnde Klima, veranlasst viele Weingüter, sich auf die alten heimischen Rebsorten zu besinnen. Mencía funktioniert zwar gut im galicischen Weinberg, aber fällt in der Masse des Weinangebots nur schwerlich auf. Brancellao oder Merenzao hingegen sind Alleinstellungsmerkmale. Wichtiger noch: Im Vergleich zu vielen der heimischen Reben neigt die Mencía-Traube bei Hitze und Reifung dazu, Säure zu verlieren und heute ist es die Frische, die insbesondere bei galicischen Rotweinen nachgefragt wird. Die meisten Rotweine dieses Stils lassen sich übrigens wunderbar leicht gekühlt trinken, probiere es mal aus.
Meine Mencía-Empfehlungen
Verschwinden wird Mencía aus Galicien auf absehbare Zeit natürlich nicht, dafür ist viel zu viel Rebfläche mit dieser Sorte bestockt, insbesondere in der Ribeira Sacra. Aber wir können uns darauf einstellen, dass die alten lokalen Sorten deutlich sichtbarer werden in Zukunft und die Tradition der gemischten Sätze (die in der Region ohnehin nie verloren gegangen ist) wieder stärker gepflegt wird. Ein Trend, der zu begrüßen ist und die Weinlandschaft bereichert. Sowohl die autochthonen roten Rebsorten wie auch Mencía bringen in der Ribeira Sacra und im Bierzo fantastische Weine hervor. Auf der Messe haben mich insbesondere die Mencías von Roberto Flammini (Alma das Donas), Fedellos, Pazo la Cuesta, Adamare und Silice angesprochen, die alle einen saftigen, feingliedrigen und säuregetragenen Stil mit schönen roten Fruchtnoten zeigen, die insbesondere bei Fedellos und Silice von leuchtender Klarheit sind. (Bilder der Weine unten.) Was die autochthonen galicischen Rotweinsorten angeht, ob überwiegend reinsortig oder im gemischten Satz, der hervorragende Weine hervorbringt, zeigten für mein Empfingen vor allem der Quetzal von Alebrije, der Sousón von Entrecantas, die Weine von Casa Vinicola Molinias sowie die Naturweine von Bernardo Estevez sowie Mission Wines viel Potenzial. Vibrierende Weine mit Struktur und aromatischer Intensität, die niemals schwer wirken und gefährlichen Trinkfluss entwickeln. Schade nur, dass die wenigsten dieser spannenden Rotweine den Weg nach Deutschland, Österreich oder die Schweiz schaffen.
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Neugierig geworden?
Eine gute Auswahl bekannter Mencía-Weine von Alvaro Palacios und Co findest du hier. *
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Auf einen Blick: Die wichtigsten roten Rebsorten aus Nordwestspanien
Rebsorte | Synonyme | Weinbaugebiete mit relevanter Verbreitung | Aromatik | Gut zu wissen |
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Mencía | Jaén, Jaén du Dão, Jaén Galego | Vor allem Bierzo, Ribeira Sacra, Valdeorras und Monterrei in Spanien sowie als Jaén im portugiesischen Dão | Frisch, rotfruchtig und floral mit mineralischen Noten und moderater Struktur | Wird sowohl reinsortig als auch häufig in Cuvées eingesetzt und hat eine deutliche qualitative Aufwertung erfahren |
Garnacha Tintorera | Alicante Bouschet | Spanien (u. a. Alicante, Almansa, Bierzo) sowie Frankreich, Portugal, Italien und Übersee | Dunkelfruchtig, würzig und sehr farbintensiv mit kräftiger Struktur | Wird häufig als Verschnittpartner genutzt, um Farbe und Struktur zu verstärken |
Brancellao | Brancellão, Brancello, Alvarelhão | Vor allem Ribeira Sacra und andere galicische DOs sowie Nordportugal | Frische rote Früchte, floral und leicht kräuterig mit hoher Säure und feinen Tanninen | Wird traditionell oft in Field Blends eingesetzt und bringt Eleganz und Frische |
Merenzao | Bastardo | Galicien (Ribeira Sacra, Valdeorras, Monterrei) sowie Portugal | Leicht, feinfruchtig und oft ätherisch mit rotbeerigen und subtil würzigen Noten | Lange selten, erlebt aktuell eine Renaissance und wird sowohl in Cuvées als auch reinsortig genutzt |
Sousón | Sousão | Galicien (v. a. Ribeiro, Ribeira Sacra, Monterrei) sowie Nordportugal | Dunkle Früchte, würzig, mit markanter Säure und intensiver Farbe | Wird überwiegend als Cuvéepartner verwendet, um Farbe, Struktur und Frische zu erhöhen |
Caíño (Caíño Tinto) | Caíño Bravo, Caíño Longo | Vor allem Ribeiro, Rías Baixas und weitere galicische Regionen | Frisch, säurebetont mit roten Früchten und pflanzlich-würzigen Nuancen | Spielt eine wichtige Rolle in traditionellen Field Blends und wird selten reinsortig ausgebaut |
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