30. Juni 2024

Celler de Capçanes: Not macht erfinderisch

Wein aus Montsant: Alles koscher oder was?

Es ist wahrscheinlich der bestgesicherte Wein Spaniens. Eine vergitterte Tür im Keller, die zusätzlich mit Kette und versiegeltem Vorhängeschloss geschützt ist. Dahinter befinden sich in mehreren Gängen Fässer mit Wein, die nicht einmal die Mitarbeitenden der Bodega anschauen dürfen ... geschweige denn anfassen oder probieren. Wenn dir das nicht koscher vorkommt ... liegst du völlig falsch. Denn genau das ist es, was hier im Keller des Celler de Capcanes lagert: koscherer Wein, hergestellt nach den Jahrtausende alten jüdischen Ernährungsvorschriften. Aber wie kommt eine mitten in der katalanischen Pampa gelegene Kooperative von Gojs* dazu, koscheren Wein herzustellen? Jürgen Wagner, Exportmanager von Celler de Capcanes, hat's mir erzählt.

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Aber von vorn. Wir sind im Priorat. Nicht im gleichnamigen Weinbaugebiet, sondern im Landkreis, der noch ein weiteres Anbaugebiet beheimatet: die DO Montsant. Das kleine Weindorf Capçanes erreicht man, wenn man sich vom Hauptort Falset recht idyllisch ein paar Kilometer Richtung Südwesten schlängelt. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren, wodurch die Landschaft noch stärker ihre Reize entfalten kann. Nur zu empfehlen! Der Celler de Capçanes ist die örtliche Kooperative. Mit einer Produktion von rund 600.000 Flaschen im Jahr eher eine kleinere Nummer im Kooperativenkosmos, aber immerhin die drittgrößte in der Prioratregion. Viele Weinliebhaber:innen haben keine hohe Meinung von Kooperativen. Was soll man dazu sagen ... die Snobs haben natürlich recht. Kooperativen basieren, wie der Name schon sagt, auf einem begrüßenswerten, sinnvollen Kooperationsgedanken. Aber sie stehen in der Regel für eine Produktion, bei der die Qualität der Masse untergeordnet wird. Bestenfalls nette, gesichtslose Weine, die mit günstigen Preisen weniger anspruchsvollen Gaumen untergejubelt werden. Da spricht auch erstmal nichts gegen, schließlich ist man ja kein besserer Mensch, nur weil man einen etwas ausgefeilteren Weingeschmack hat oder sich diesen einbildet.

Dennoch: der Celler de Capçanes ist anders. Nicht nur, weil er guten Wein macht. Hier wird nämlich auch Wein hergestellt für Menschen, die nach den jüdischen Glaubens- und Ernährungsregeln leben. Vor fast 40 Jahren rettete dieser ungewöhnliche Schritt der Kooperative den A... ähm, die Kooperative vor dem Untergang.

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Wie koscherer Wein eine katalanische Kooperative rettete

Der Aufstieg vom Celler de Capçanes beginnt eigentlich mit seinem Niedergang. 1933 gegründet, kurz vor dem blutigen spanischen Bürgerkrieg (dessen Nachwirkungen noch Jahrzehnte später im Dorf und auch im Betrieb zu spüren waren), war die Kooperative im Süden des heutigen Montsant-Gebietes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Fassweinproduzent, wie alle anderen Weingüter der Region auch. In der Region Tarragona, in der die 2001 gegründete DO Montsant liegt, wurden vor allem kräftige süße Weine für den Export produziert. Poor mans port nannte man sie auch, in Anlehnung an den »edleren« Portwein aus Portugal. Später gingen die Fässer vor allem an die großen Bodegas im Penedès-Gebiet. Irgendwann wollten die mittlerweile modernisierten Bodegas nicht einmal mehr den noch mit alter Kellereitechnik produzierten Wein haben und die Kooperative wurde zum reinen Traubenproduzenten – die niedrigste Stufe, auf die man als Weingut sinken kann, meint Jürgen Wagner lakonisch. Entsprechend war im Celler de Capçanes nur noch während der Erntesaison Betrieb, das restliche Jahr war er einfach geschlossen. So konnte es nicht weitergehen, ein Plan musste her.

Tatsächlich stand einiges auf dem Spiel. Von den rund 400 Einwohner:innen des Ortes hängt ein großer Teil der Familien direkt von der Kooperative ab. Celler de Capçanes ist nicht nur der größte Arbeitgeber im Ort – 65 traubenliefernde Mitglieder:innen zählt die Kooperative aktuell –, sondern auch so etwas wie der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Irgendwann kam die zündende Idee wie ein ersehnter Regenfall nach langer Trockenheit. In Gesprächen bekam man zufälligerweise mit, dass die jüdische Gemeinde in Barcelona auf der Suche nach koscherem Wein war, den in Spanien scheinbar niemand liefern konnte. Also Kontakt zum Rabbiner von Barcelona aufgenommen, die Kellerei auf die Produktion von koscherem Wein vorbereitet und los gings. Anfang der 1990er Jahre war das, 1996 kam dann der erste Jahrgang raus – der dann tatsächlich im bekannten spanischen Weinführer Guía Peñín 1998 mit 96 Punkten zum drittbesten spanischen Wein gekürt wurde. Was für ein furioser Start.

Wie wird koscherer Wein hergestellt? Jürgen erklärt es uns:

https://www.youtube.com/watch?v=xjPPsna_hxQ

Koscherer Wein: die Herstellung wurde zur Grundlage eines neuen Weinverständnisses

Den Celler de Capçanes nur auf den koscheren Wein zu reduzieren, wäre ungerecht. Aber: Über den koscheren Wein haben wir das Weinmachen neu gelernt, erzählt Jürgen, der 1999 hinzukam, um die im Aufbruch befindliche Kooperative zu unterstützen. Der studierte Önologe arbeitete damals für einen Weinimporteur. Er besuchte die Kooperative – und blieb. Damals war sein Job vor allem, Weine für den Export zu kreieren. Das hat er zusammen mit seinen Kolleg:innen mit großem Erfolg getan. Kaum eine Kooperative in Spanien dürfte so einen Aufstieg erlebt haben wie der Celler de Capçanes. Einige Kreationen wie der Rotwein Cabrida werden regelmäßig unter den Top-Weinen Spaniens gelistet. Jüngst wurde der Celler de Capçanes vom US-Weinkritiker Tim Atkins als Kooperative des Jahres 2024 gekürt.

Mittlerweile kümmert sich Jürgen ausschließlich um die Presse, die regelmäßig an die Pforten des Weinguts klopft, und den Export. In rund 50 Länder wird mittlerweile exportiert. Der Celler de Capçanes gehört zu den wenigen Kooperativen, bei denen man auch 100 Euro und mehr für einen Wein ausgeben kann (in der Schatzkammer werden von den Topweinen noch ältere Jahrgänge vorgehalten). Aber bei der Mehrheit des großen Sortiments handelt es sich um bezahlbare, gut gemachte Weine. Abgehoben sein möchte man hier nicht. Wir gehören zum Volk und wir machen Weine für's Volk, meint Jürgen. Und das ist auch gut so.

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https://www.cellercapcanes.com

Der Celler de Capçanes liegt am Ortseingang des gleichnamigen Dorfes und ist nicht zu verfehlen. Wer mag, kann gleich in der an den großen Shop angegliederten Weinbar ein Gläschen nehmen.

* jiddisch für Nichtjuden. Es ist natürlich eine historische Verzerrung, hier einen Zusammenhang herzustellen, denn die in Spanien (ehemals) ansässigen sephardischen Jüd:innen sprachen nicht das Jiddisch der in Mittel- und Osteuropa wohnenden aschkenasischen Juden. Aber hey, ich bin sicher, alle würden sich bei einem Glas Peraj Ha'abib hervorragend verstehen.

Was bedeutet koscherer Wein?

Koscherer Wein ist Wein, dessen Herstellung nach den alten jüdischen Speisegesetzen erfolgt, den sogenannten Kaschrut-Regeln. Diese Regeln betreffen den gesamten Produktionsprozess von der Weinlese bis zur Abfüllung. Um als koscher zu gelten, muss der Wein unter der Aufsicht eines Rabbiners hergestellt werden. Alle verwendeten Zutaten und Geräte müssen ebenfalls koscher sein und dürfen nicht in Kontakt mit nicht-koscheren Dingen kommen. Die meisten wichtigen Schritte im Prozess der Herstellung koscheren Weins dürfen ausschließlich religiöse Juden durchführen.

Was ist koscherer Wein? Die wichtigsten Punkte:

  • Herstellung unter rabbinischer Aufsicht

  • Koschere Zutaten und Geräte

  • Verbot des Einsatzes tierischer Produkte

  • Beachtung des Sabbats und der jüdischen Feiertage während der Weinproduktion

  • Zertifizierung einer anerkannten koscheren Zertifizierungsstelle

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Eine vergitterte Türe mit einem Siegel
©Sascha Brandenburg / TodoVino Weinmagazin

Hinter Schloss und Siegel: Koscherer Wein

Blick auf die Gebäude der Kooperative Celler de Capçanes
©Sascha Brandenburg / TodoVino Weinmagazin

Der Celler de Capçanes liegt im Montsant-Weindorf Capçanes.

alte und neue Weintanks des Celler de Capçanes
©Celler de Capçanes

Sieht aus wie eine Kooperative, ist eine Kooperative: ein Blick ins Innere des Celler de Capçanes

Mann mit Kippa und Koscher-Siegel
©Celler de Capçanes

Viele Schritte müssen beachtet werden, damit ein Wein koscher ist und bleibt.

Rotweinflasche und Glas mit koscherem Wein
©Sascha Brandenburg / TodoVino Weinmagazin

Peraj Ha'abib/Flor de Primavera 2022 ist eine Cuvee aus ungefähr jeweils einem Drittel Cabernet Sauvignon, Carinyena und Garnatxa Negra.

Blick auf den Fassweinkeller des Celler Capcanes
©Sascha Brandenburg / TodoVino Weinmagazin

Der Fassweinkeller

Blick auf Tische und Stühle
©Sascha Brandenburg / TodoVino Weinmagazin

In der Kooperative kann man auch Wein in der eigenen Bar trinken.

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