9. November 2023

Rebsorten total

Spanien hat eine unglaubliche Fülle an Rebsorten.

Hintergrund des Textes ist es nicht, noch mehr Verwirrung bei Rebsorten in Spanien zu stiften. Die Idee ist eher aufzuzeigen, wieso manchmal nur wenige Rebsorten aus einem Land bekannt sind, obwohl es so viele gibt.

Um langsam warm zu werden, mal eine kleine Aufarbeitung, wohin manche bekannte Rebsorte gewandert ist oder woher sie kommt. Also rein theoretisch, schließlich stecken Reben fest im Boden und gehen nirgendwo hin. Garnacha (Spanien), Grenache (Frankreich) oder Cannonau (Sardinien/Italien) ist nach neuesten Analysen in Aragón Spanien beheimatet und von dort in die Welt gegangen, ich meine natürlich gebracht worden. Insgesamt bringt es Garnacha auf stolze 153 Synonyme weltweit. Auch bei der aus Südfrankreich bekannten Mouvèdre, handelt es sich um eine Rebsorte spanischen Ursprungs und als Monastrell bekannt. Selbst die in Australien bekannte Rebsorte Mataro ist Monastrell und wurde 1832 durch James Busby aus Perpignan (Südfrankreich) nach Australien gebracht.

Aber wie kommt es, dass viele Rebsorten in Spanien nicht offiziell anerkannt sind, obwohl sie seit Jahrzenten oder Jahrhunderten angebaut werden? Diese Frage kann ich nur aus dem Interview mit einem Geschäftsführer einer Kooperative beantworten und seine Aussagen erscheinen mir nachvollziehbar. Als es darum ging, die für eine Region zugelassenen Rebsorten für die Registrierung der spanischen Herkunftsbezeichnungen in Brüssel zu beantragen, wurden überwiegend Kooperativen um deren Rebsortenspiegel gebeten. Diese hatten in den meisten Fällen die Rebsorten parat, die in großer Menge angebaut und angeliefert wurden. Unbekanntere Rebsorten wurden von den Mitgliedern meistens in kleiner Menge angebaut und schlicht zu den großen Mengen dazugegeben. Obwohl viel mehr spanische Rebsorten angebaut wurden, kamen nur die großen Namen nach Brüssel und wurden für Regionen registriert und offiziell zugelassen. Jetzt stellt sich für viele Weingüter die Situation so dar, dass es sehr spannend ist, mit unbekannten einheimischen Rebsorten zu arbeiten und daraus Wein herzustellen.

Diese Rebsorten sind allerdings ggf. nicht für Weine mit Herkunftsbezeichnung vorgesehen, weil man damals den Namen nicht nach Brüssel weitergeleitet hat. Und jetzt? Entweder nicht verarbeiten oder neue Wege suchen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Häufig ging das so, dass der DO die Rebsorte zur Registrierung vorgeschlagen wurde. Dieses ist aufwändig und wird deshalb im Normalfall abgelehnt. Also doch einen Wein aus der Rebsorte machen und bei den jährlichen Verkostungen der DO, um das Qualitätsniveau zu beurteilen, einschleusen. Wenn solche Weine plötzlich hoch bewertet werden und großes Lob erhalten, wird es schwierig für die Offiziellen, die Rebsorte zu ignorieren. Damit ist auch nachvollziehbar, dass im Regelfall die Weingüter die Kontrollräte der Herkunftsbezeichnungen vor vollendete Tatsachen stellen und nicht die Kontrollräte innovativ voranschreiten, bei der Zulassung historischer Rebsorten.

Inzwischen suchen Regionen nach einer neuen Identität, um sich von der breiten Masse abzuheben.

Historische Rebsorten sind eine Möglichkeit, um sehr individuelle Weine herzustellen und damit einzigartig zu sein. Deshalb werden immer mehr Weine aus alten Rebsorten hergestellt, die häufig nicht unter einer Herkunftsbezeichnung abgefüllt werden, sondern einfach als »Vino de España«, der niedrigsten möglichen Qualitätsstufe. Wenn man davon ausgeht, dass ein Wein in einem Umfang von einigen Flaschen bis zu vielleicht 1.000 oder 2.000 Flaschen hergestellt wird, ist der Abnehmer nicht der breite Weinmarkt, sondern Profis, Freaks oder einfach neugierige Weinliebhaber. Zugpferd ist in dem Fall die Rebsorte und eine Region hilft maximal als Orientierung, wo das denn wächst. Eine große Spielwiese, um unbekannte Rebsorten, Gebiete oder Ausbauarten zugänglich zu machen.

Noch ein kleiner Schlenker zu der Frage, wieso Rebsorten in einer bestimmten Region ihre Heimat gefunden haben? Der Grund kann verschieden sein. Manche Rebsorten wurden vermutlich vor Jahrhunderten nach Spanien gebracht. Vielleicht sind diese in ihrem Herkunftsgebiet bereits verloren gegangen, fühlen sich aber in der neuen Heimat sehr wohl. Von dieser Situation geht man bei Monastrell aus. Vielleicht wurde sie vor über 2000 Jahren durch die Phönizier nach Spanien gebracht. Oder es mag ganz andere Gründe haben. Klar ist nur, dass die heute Ausbreitung in die Welt, von der Mittelmeerküste Spaniens aus stattfand.

Oder nehmen wir Airén. Eine Rebsorte, die bis vor nicht zu langer Zeit die meistangebaute Rebsorte Spaniens war. Viele kennen diese nicht und man fand auch kaum Weine in Spanien, die aus Airén bereitet waren. Was passierte also damit? Ein Großteil der Produktion wurde direkt in La Mancha, dem Hauptanbaugebiet von Airén, zu Alkohol destilliert. Anschließend nach Jerez gefahren und dort dann zu Brandy gereift. Außerdem wurden große Mengen der Rebsorte nach Deutschland gefahren, um als Basiswein für viele bekannte Sektmarken herzuhalten. Aber warum wurde überhaupt Airén angebaut? Während bestimmter Perioden in der Geschichte, gab es einen großen Bedarf an Trauben oder Wein und man schaute, welche Rebsorten können dies abdecken. Dabei wurden eher Merkmale wie: Hohe Erntemengen, geringe Anforderungen, für La Mancha z.B. geringer Wasserbedarf und neutrales Ergebnis, welches sich gut weiterverarbeiten lässt. Einen Schub in diese Richtung gab es ebenfalls nach der Reblaus. Landwirte waren ihrer Lebensgrundlage beraubt, als die Reblaus in Europa wütete. Entweder verloren sie alles oder mussten alle Reben ersetzten. Das war teuer und nicht finanzierbar. Also suchte man nach spanischen Rebsorten, die pro Pflanze hohe Erträge hatten. Damit konnten die Landwirte mit den Einnahmen aus den Erträgen, weitere Reben finanzieren. Klar ist auch, dass hierbei Alkohol vor Qualität stand. Und damit hatte man große Flächen mit Rebsorten bepflanzt, die billig waren, große Mengen erbrachten und den Landwirten ein sicheres Einkommen bescherten.

Aktuell sieht die Entwicklung so aus, als ob wieder unbekannte, eigenständige Weine einen Platz im Herzen von Weinliebhabern gewinnen. Natürlich werden weiterhin Weine den Markt bestimmen, die leicht erhältlich, sauber ausgebaut und einfach zu trinken sind. Wir wollen ja das Leben nicht kompliziert, sondern genussvoll gestalten.

Tempranillo beim Reifen
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Rot

Leichte Röte im Antlitz
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Noch mehr leichte Röte

Jumilla
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Landschaft mit alten Reben

Wird schon rot
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Ich hab die Haare schön
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Vor dem Rebschnitt

Auch in Spanien wird es kalt
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Winterruhe für die Rebe

Trauen sich noch nicht alle
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Bald ist es so weit!

Dominio de Valdepusa
©Jörg Philipp

Rebsorten total

Vino de Pago Dominio de Valdepusa

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