
Vier gewinnt: autochthones Rebsortenquartett
Die Bodega Raíces Ibéricas hat eine spannende Mission
Spanien ist ein Paradies für Weinflaneure. Bei der großen Anzahl an autochthonen, sprich einheimischen, Rebsorten stellen sich Entdeckungen von ganz alleine ein. Vier Beispiele gefällig?
Wer kennt noch das schöne Wort »flanieren«, das es mit Charles Baudelaire und Walter Benjamin zu literarischen, wenn nicht gar philosophischen Ehren gebracht hat. Ein Flaneur durchstreift absichtslos seine Umgebung und entdeckt dabei Dinge, die ihm zu denken geben. Er sucht diesen Denkanstoß nicht, er findet ihn. Solch ein Anstoß kann selbstverständlich auch ein Anstoßen sein, sobald der Flaneur eine Weinregion durchstreift oder sich auch nur vor einem gut sortierten Weinregal wiederfindet.
Idealerweise schlendert der Weinflaneur auf eigenen Füßen durch die Anbaugebiete und macht so jene Entdeckungen im Glas, die ihn nicht mehr loslassen. Das mag ein einzelner Wein sein, ein ganzes Weingut oder auch eine ihm bislang unbekannte Rebsorte – und endlich sind wir beim Thema: Spaniens einheimische Reben, von denen viele nur noch Kennern ein Begriff sind. Leider und völlig zu unrecht.
Autochthone Reben: Wie echt, wie gut?
Wer über die üblichen Verdächtigen in Spanien hinausdenkt, stößt ganz schnell auf den ungeheuren Reichtum an heimischen Reben. Sorten, die es nicht immer unbeschadet in die Gegenwart des internationalen Weinhandels geschafft haben, weil sie zu kompliziert, zu wenig ertragreich, viel zu ertragreich oder schlichtweg zu unbekannt sind. Die Weinkritik spricht gern von autochthonen Rebsorten, wenn sie ihre genetische Heimat in der Region haben. Da lohnt allerdings genaues Hinsehen, denn oft gelten bereits Rebsorten, die lange Zeit in einem Land oder Anbaugebiet kultiviert werden als autochthon. Also zugespitzt: Sind der Garnacha aka. Grenache und der Monastrell aka. Mourvèdre an der französischen Rhône autochthone Rebsorten, weil sie dort wer weiß wie lange zur DNA der Weine zählen – oder eben nicht? Denn beide stammen ursprünglich aus Spanien.
Der Reichtum an autochthonen Rebsorten wird neben den Stars wie Tempranillo, Garnacha & Verdejo viel zu wenig gesehen – in Spanien selbst und erst recht in Deutschland. Immerhin sind rund 250 Rebsorten im spanischen Weinbau zu finden – zumindest theoretisch, denn viele Reben werden nur noch im Minimaßstab kultiviert. So erwähnt beim Stichwort Spanien die Weinpresse die internationalen Rebsorten und die Platzhirsche viel öfter als die alten Schätzchen aus der Provinz. Schade, aber umso strahlender erscheint das Glück des Weinflaneurs, sobald er dennoch Albillo und Malvar, Juan García und Prieto Picudo ins Glas bekommt. Dieses Quartett eingeborener Rebsorten stimmt traditionell, kommt aber ganz modern daher. Das macht einen Umweg beim Weinflanieren notwendig.
Tradition geht auch ohne Tradition: Wie das?
Vielen gilt ein über Generationen geführtes Familienweingut vertrauenswürdiger als das Zusammengehen zweier Bodegas, die sich mit externem Geld vor nicht einmal 15 Jahre verheiraten. Zu oft steht uns ein vorurteilendes Traditionsargument im Weg, zu gern hören wir die romantische Geschichte vom verwurzelt Sein in der Region und im Weinbau: vom Urgroßvater an – mindestens! Doch Tradition geht auch anders, mit Blick auf die Rebsorten zum Beispiel, indem man die Weinhistorie des Anbaugebiets ernst nimmt und selbstbewusst in die Gegenwart trägt. Wenn dies gleich in mehreren Anbaugebieten geschieht, wird daraus ein Konzept, das in diesem Fall auf den Namen Raíces Ibéricas hört. Zwar erzeugt die Bodega auch die international gängigen »Spanier«, die durchweg mit tadelloser Qualität zu einem guten Preis abliefern. Doch getreu den »iberische Wurzeln« im Namen, ist die Weinlinie mit den autochthonen Rebsorten die Herzkammer der Unternehmung. Wer die heimischen Reben näher kennenlernen möchte, ist mit den »Raíces« Weinen gut bedient.
Zum einen ist Raíces Ibéricas gleich in mehreren Anbaugebieten engagiert: in Calatayud und Utiel-Requena, in Jumilla und Valencia. Darüber hinaus arbeitet man mit zahlreichen Weinbauern aus weiteren Regionen – vor allem in Castilla La Mancha – zusammen, was die enorme Bandbreite an autochthonen Rebsorten im Sortiment erklärt. Raíces Ibéricas ist quasi der Gegenentwurf zum traditionellen Weingut – aber auf die gute Art. Vier Bodegas gehören dazu, das Vorzeige-Weingut ist die Bodega Calderón in Utiel-Requena, wo man alle Weine verkosten kann: vom internationalen Bestseller bis zum No Name mit gerade mal geschützter Herkunftsbezeichnung. Und die Bodega Calderón ist nur eine knappe Autostunde vom Mittelmeer und Valencia entfernt.
Zwar machen die unter dem Label »Raíces« laufenden, reinsortigen Weine aus autochthonen Reben nur den kleineren Teil im Sortiment aus. Aber in diesem Fall zählt die kommerzielle Geste ernsthaft – denn vor allen sind es richtig gute Weine. Die Weine sind keine günstigen Schnapper, aber die Erfahrung lohnt. Nur mal vier Proben aufs Exempel.


