22. August 2025

Vier gewinnt: autochthones Rebsortenquartett

Die Bodega Raíces Ibéricas hat eine spannende Mission

Spanien ist ein Paradies für Weinflaneure. Bei der großen Anzahl an autochthonen, sprich einheimischen, Rebsorten stellen sich Entdeckungen von ganz alleine ein. Vier Beispiele gefällig?

Wer kennt noch das schöne Wort »flanieren«, das es mit Charles Baudelaire und Walter Benjamin zu literarischen, wenn nicht gar philosophischen Ehren gebracht hat. Ein Flaneur durchstreift absichtslos seine Umgebung und entdeckt dabei Dinge, die ihm zu denken geben. Er sucht diesen Denkanstoß nicht, er findet ihn. Solch ein Anstoß kann selbstverständlich auch ein Anstoßen sein, sobald der Flaneur eine Weinregion durchstreift oder sich auch nur vor einem gut sortierten Weinregal wiederfindet.

Idealerweise schlendert der Weinflaneur auf eigenen Füßen durch die Anbaugebiete und macht so jene Entdeckungen im Glas, die ihn nicht mehr loslassen. Das mag ein einzelner Wein sein, ein ganzes Weingut oder auch eine ihm bislang unbekannte Rebsorte – und endlich sind wir beim Thema: Spaniens einheimische Reben, von denen viele nur noch Kennern ein Begriff sind. Leider und völlig zu unrecht.

Autochthone Reben: Wie echt, wie gut?

Wer über die üblichen Verdächtigen in Spanien hinausdenkt, stößt ganz schnell auf den ungeheuren Reichtum an heimischen Reben. Sorten, die es nicht immer unbeschadet in die Gegenwart des internationalen Weinhandels geschafft haben, weil sie zu kompliziert, zu wenig ertragreich, viel zu ertragreich oder schlichtweg zu unbekannt sind. Die Weinkritik spricht gern von autochthonen Rebsorten, wenn sie ihre genetische Heimat in der Region haben. Da lohnt allerdings genaues Hinsehen, denn oft gelten bereits Rebsorten, die lange Zeit in einem Land oder Anbaugebiet kultiviert werden als autochthon. Also zugespitzt: Sind der Garnacha aka. Grenache und der Monastrell aka. Mourvèdre an der französischen Rhône autochthone Rebsorten, weil sie dort wer weiß wie lange zur DNA der Weine zählen – oder eben nicht? Denn beide stammen ursprünglich aus Spanien.

Der Reichtum an autochthonen Rebsorten wird neben den Stars wie Tempranillo, Garnacha & Verdejo viel zu wenig gesehen – in Spanien selbst und erst recht in Deutschland. Immerhin sind rund 250 Rebsorten im spanischen Weinbau zu finden – zumindest theoretisch, denn viele Reben werden nur noch im Minimaßstab kultiviert. So erwähnt beim Stichwort Spanien die Weinpresse die internationalen Rebsorten und die Platzhirsche viel öfter als die alten Schätzchen aus der Provinz. Schade, aber umso strahlender erscheint das Glück des Weinflaneurs, sobald er dennoch Albillo und Malvar, Juan García und Prieto Picudo ins Glas bekommt. Dieses Quartett eingeborener Rebsorten stimmt traditionell, kommt aber ganz modern daher. Das macht einen Umweg beim Weinflanieren notwendig.

Tradition geht auch ohne Tradition: Wie das?

Vielen gilt ein über Generationen geführtes Familienweingut vertrauenswürdiger als das Zusammengehen zweier Bodegas, die sich mit externem Geld vor nicht einmal 15 Jahre verheiraten. Zu oft steht uns ein vorurteilendes Traditionsargument im Weg, zu gern hören wir die romantische Geschichte vom verwurzelt Sein in der Region und im Weinbau: vom Urgroßvater an – mindestens! Doch Tradition geht auch anders, mit Blick auf die Rebsorten zum Beispiel, indem man die Weinhistorie des Anbaugebiets ernst nimmt und selbstbewusst in die Gegenwart trägt. Wenn dies gleich in mehreren Anbaugebieten geschieht, wird daraus ein Konzept, das in diesem Fall auf den Namen Raíces Ibéricas hört. Zwar erzeugt die Bodega auch die international gängigen »Spanier«, die durchweg mit tadelloser Qualität zu einem guten Preis abliefern. Doch getreu den »iberische Wurzeln« im Namen, ist die Weinlinie mit den autochthonen Rebsorten die Herzkammer der Unternehmung. Wer die heimischen Reben näher kennenlernen möchte, ist mit den »Raíces« Weinen gut bedient.

Zum einen ist Raíces Ibéricas gleich in mehreren Anbaugebieten engagiert: in Calatayud und Utiel-Requena, in Jumilla und Valencia. Darüber hinaus arbeitet man mit zahlreichen Weinbauern aus weiteren Regionen – vor allem in Castilla La Mancha – zusammen, was die enorme Bandbreite an autochthonen Rebsorten im Sortiment erklärt. Raíces Ibéricas ist quasi der Gegenentwurf zum traditionellen Weingut – aber auf die gute Art. Vier Bodegas gehören dazu, das Vorzeige-Weingut ist die Bodega Calderón in Utiel-Requena, wo man alle Weine verkosten kann: vom internationalen Bestseller bis zum No Name mit gerade mal geschützter Herkunftsbezeichnung. Und die Bodega Calderón ist nur eine knappe Autostunde vom Mittelmeer und Valencia entfernt.

Zwar machen die unter dem Label »Raíces« laufenden, reinsortigen Weine aus autochthonen Reben nur den kleineren Teil im Sortiment aus. Aber in diesem Fall zählt die kommerzielle Geste ernsthaft – denn vor allen sind es richtig gute Weine. Die Weine sind keine günstigen Schnapper, aber die Erfahrung lohnt. Nur mal vier Proben aufs Exempel.

Spanische Weine kaufen bei heimwein
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Albillo: Real oder Mayor?

Tatsächlich gibt es gleich zwei weiße Rebsorten, die Albillo heißen. In diesem Fall geht es um Albillo Mayor, die vor allem in Castilla y León zuhause ist, und nicht mit Albillo Real verwechselt werden darf. Glaubt man den DNA-Experten ist die Rebe aus einer natürlichen Kreuzung von Hebén und einer zweiten, unbekannten (Vater)Sorte hervorgegangen. Hebén zählt übrigens zum Stammbaum des Tempranillo, nur um noch einmal den urspanischen Akzent hervorzuheben.

Albillo Mayor reift früh aus, bringt nur wenig Ertrag, kommt dafür aber bestens mit Trockenheit aus. Trotz hoher Temperaturen bewahren die Trauben das notwendige Maß an Säure, um dem Wein wohltuende Frische einzuhauchen. Der Raíces Albillo zeigt zitrische Noten, etwas gelbes Steinobst und etwas kräutrige Mineralik. Im Mund rund, ohne füllig zu sein, mit feinem Schmelz dank sechs Monaten Reife auf der Hefe. Terrassenweintrinker verpassen etwas, wenn sie diesen unprätentiösen Weißwein nicht probieren.

Malvar aus Madrid: im Ernst?

Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts taucht die Rebsorte in schriftlichen Quellen als Layrenes auf, was auf ein Synonym der Rebsorte hinweist – nämlich Lairén. Ende des vergangenen Jahrhunderts gibt es in ganz Spanien nur 2500 Hektar Rebflächen, rund 2000 davon in der Nähe von Madrid. Dort pflanzt man in den 1990er Jahren Malvar wieder neu und genau von diesen rund 30 Jahre alten Reben stammt auch der Wein von Raíces Ibéricas. Die Weinberge liegen auf 680 Metern über dem Meeresspiegel rund um den Ort Villarejo de Salvanés. Die alte Rebe Hebén stellt ein Elternteil des Malvar dar, das andere ist wahrscheinlich die portugiesische Sorte Folha de Figuera.

Nachgesagt wird dem Malvar, dass er eher rustikale Weine hervorbringt, was der Raíces Malvar ganz und gar nicht bestätigt. Ungeheuer floral an der Nase, weiße Blumen, Akazienblüten, aber auch weiße Früchte machen Eindruck auf eine ganz feinsinnige, filigrane Art. Im Mund mit viel Schmelz – dank 60 Tagen auf der Feinhefe samt täglicher Batonnage – und einem unglaublich langen Finale. Ein exzellenter Essenbegleiter zu Fisch und gegrillten Meeresfrüchten.

Juan García: kein Fußballspieler?

Die rote Rebsorte stammt aus der Grenzregion zu Portugal und ist vor allem aus der DO Arribes (del Duero) bekannt. Auch genetisch handelt es sich wohl um eine Koproduktion der beiden iberischen Länder. Als Eltern gelten die spanische Sorte Cayetana Blanca und der portugiesische Alfrocheiro. Juan García wird wegen seiner ausgiebigen Aromatik geschätzt, allerdings erfordert er viel Arbeit im Weinberg. Die ertragreiche Rebe muss streng gezügelt werden, um gute Traubenqualitäten hervorzubringen. Dabei kommt dem Raíces Juan García zu Gute, dass die Rebstöcke über 80 Jahre zählen: Da ergibt sich die Ertragsreduzierung ganz natürlich.

An der Nase muss man den Raíces Juan García erst einmal sortieren, da schwingen so viele Waldfrüchte, dunkle Kirschen und rote Johannisbeeren mit, aber auch eine diffuse Spur von Waldboden und Menthol. Im Mund erweist sich der Wein als echter Schmeichler, gibt sich weich und frisch mit kräutrigen Eindrücken von den sechs Monaten im Barrique. Ein Tinto für das kultivierte Abendprogramm, der 2021er Jahrgang bekommt von James Suckling 90 Punkte. Unbedingt probieren.

Prieto Picudo: Form follows function?

Ursprünglich stammt die Rebsorte wohl aus der Gegend um León, zu finden ist sie aber auch in den DO Bierzo und Toro. Aktuell stellt sich das mit etwas über 4000 Hektar Rebfläche jedoch sehr überschaubar dar. Meist reinsortig ausgebaut, wird Prieto Picudo mitunter auch mit Mencía verschnitten – was beide Rebsorten nicht nötig haben. Prieto Picudo liefert Weine mit wunderbarer Frische und Lebendigkeit, dank des hohen Säureanteils in den Beeren. Daher ist die Rebsorte auch für Rosados bestens geeignet. Der Name leitet sich übrigens von der Form der Traube ab. Sie besteht aus sehr dichten (prieto) Beeren und zeigt eine spitz zulaufende Form (picudo).

Der Raíces Prieto Picudo duftet nach roten und dunklen Waldbeeren, nach Kräuter, die einen leichten medizinischen Touch haben und an Eukalyptus erinnern. Im Mund gibt sich der Wein ungeheuer balsamisch und kräutrig mit spürbarem Tannin. Zum Ende wird er immer eleganter – wie gut, dass er so ein langes Finale hat. Nicht nur ein Top-Begleiter zu gegrillten Speisen, vor allem ist der Raíces Prieto Picudo ein echter Meditationswein. Wenn man es negativ nimmt: einer für Weinkenner.

Weinflanieren: Was sonst?

Wie kaum ein anderes Weinland spricht Spanien eine Einladung an alle Weinflaneure aus – selbstverständlich auch an alle Weinflaneusen. Es gibt so viele Weine aus einheimischen Rebsorten zu entdecken, über die man quasi stolpert, sobald man sich nur auf das Schlendern und Durchstreifen der Regionen einlässt. Dieses Lob mag auf den ersten Blick ein wenig literarisch anmuten, gemeint ist es aber ganz philosophisch.

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