7. Januar 2024

»Der macht nix, der will nur spielen.«

Adega do Demo: Dackel und Eulen im galicischen Weinbaugebiet Ribeiro.

Was auf den Hund zutrifft, kann man von Carlos nicht behaupten: Der macht schon was, und zwar richtig spannenden Wein auf seinem Weingut Adega do Demo . Mit Haltung und Experimentierfreude – verspielt im besten Sinne.

Ribeiro ist die historische Weinregion in Galicien, dem wilden grünen Nordwesten Spaniens. Von seiner damaligen Bedeutung ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Gehörten die Weine aus dem Ribeiro in der frühen Neuzeit zu den teuersten Spaniens und beliebtesten Englands, ist die Weinregion heute vielen außerhalb der iberischen Halbinsel gar kein Begriff mehr. Die Anbaufläche schrumpft, zu schwierig ist es, auf den kleinen, verstreut liegenden Parzellen wirtschaftlich zu arbeiten. Aber es gibt sie noch (und glücklicherweise werden sie mehr), die kleinen Adegas, wie die Weingüter auf Gallego heißen, die hartnäckig, leidenschaftlich – und erfolgreich – daran arbeiten, Weine mit Charakter zu erzeugen, die das Potenzial der Region zeigen und für mehr Vielfalt sorgen.

Die junge Adega do Demo gehört sicher zu den interessantesten Protagonisten dieser neuen Bewegung. Was keineswegs nur daran liegt, dass der Winzer hier in der tiefsten galicischen Provinz fließend Hessisch spricht (wenn er will) und seinen deutschen Herkunftsanteil mit zwei Dackeln unterstreicht. Als Carlos vor rund 20 Jahren entschied, seinen stressigen Job als Leiter der spanischen Dependance eines deutschen Unternehmens zu kündigen und Madrid den Rücken zu kehren, um im Herkunftsort seines Vaters im Ribeiro ein paar alte Weinberge der Familie zu übernehmen, baute er die Trauben in den ersten Jahren noch für die lokale Kooperative an. Wer hier auf naturnahe Bewirtschaftung der Rebflächen und eine möglichst hohe Traubenqualität setzt, während manch andere möglichst hohe Erträge erzielen wollen, wird auf Dauer nicht glücklich. So wurde im Jahr 2017 die Adega do Demo geboren, wo nun konsequent Nachhaltigkeit (die echte, nicht die aus der Werbung) und Qualität im Vordergrund stehen. Und die Spielfreude.

RIBEIRO

Das Weinbaugebiet Ribeiro liegt im Süden Galiciens am Mino und seinen Zuflüssen Avia und Arnoia, in der Provinz Ourense. Das Klima der nach offiziellen Angaben rund 1.300 ha großen Denominación de Origen (nach inoffiziellen sollen es nur noch rund 950 ha sein) unterscheidet sich deutlich von der nur 60 Kilometer entfernten Atlantikküste, wo der Albarino in der D.O. Rias Baixas zu Hochformen aufläuft. Während es in den Rias Baixas sommers wie winters meist feucht und mild ist, spürt man im nahen Ribeiro die kontinentalen Einflüsse überdeutlich: heiße, zunehmend trockene Sommer und sehr kalte Winter sind die Regel. Carlos berichtet, es sei keine Seltenheit, im Winter bei 16 Grad und Sonnenschein an der Küste zu starten, um dann bei 0 Grad und Nebel im Ribeiro im Weinberg zu frieren. Was den Boden angeht, gleichen sich die beiden Anbaugebiete mehr: es dominiert sandiger Granit. Anders Carlos Weinberge, die stark von Schist geprägt sind, bestimmten Schieferarten.

Mit dem Fahrrad von Galicien nach Deutschland

Den eigenen Kopf hat Carlos vielleicht von seinem Vater geerbt. Der ist Anfang der 60er Jahre mit dem Fahrrad (!! - vermutlich kein Tourenrad mit 21 Gängen) aus Alongos nach Deutschland gefahren, um einen Job zu suchen. Den er auch fand, während er sein Herz an eine deutsche Frau verlor, die bereits 1969 bereit war, mit ihrem Mann an der Hand und Carlos im Bauch nach Spanien zu ziehen. Lange Rede, guter Sinn: auch Carlos hat ganz eigene Vorstellungen und setzt sie mit der Adega do Demo um, deren Logo eine Eule ziert - das Lieblingstier von Carlos.

Das Ziel klingt einfach: Gesunde, aromatische Trauben sollen wachsen, die Grundlage für guten Wein. Dazu werden im Weinberg die Methoden des ökologischen Weinbaus umgesetzt, u. a. grüne Rebzeilen, qualitätsorientierte Ertragsreduzierung sowie der weitestgehende Verzicht auf Spritzmittel – was allerdings nicht immer möglich ist. In der Region herrscht manchmal durch das feuchtheiße Klima ein sehr hoher Pilzdruck, der droht, die gesamte Arbeit eines Jahres zu vernichten und gegen den noch kein ökologisches Mittel gewachsen ist.

Adega do Demo sucht im Ribeiro den Charakter des ursprünglichen Weins

In der Zukunft möchte Carlos seine Rebflächen verstärkt nach den Prinzipen der Permakultur bewirtschaften und Schafe zwischen den Reben weiden lassen, um das Kraut kleinzuhalten und den Boden zu düngen – lebendiger Weinberg. Im Keller setzt sich dieser Minimal-Interventionsanspruch fort: die Weine werden weder filtriert noch mit irgendwelchen Zusatzstoffen getrimmt, sie bekommen viel Zeit, sich auf der Hefe zu entwickeln, im Barrique oder Edelstahl zu reifen und ihre eigene Persönlichkeit auszuprägen.

Tatsächlich sind Carlos Weine jeweils sehr unterschiedlich und speziell – im guten Sinne. Wer vor allem frische, unkomplizierte, von Primärfrucht geprägte Weine sucht, wie sie im Ribeiro heute überwiegend produziert – und dafür auch von vielen geschätzt – werden, sollte die eigenen Geschmacksrezeptoren nicht unnötig mit Weinen der Adega do Demo in Aufruhr versetzen. Wer den Gaumen allerdings gerne auf Erkundungstour schickt, ist hier an der richtigen Adresse. Dabei gelingt Carlos das kleine Kunststück, unkonventionelle Weine herzustellen, die sich durch Harmonie und Trinkfreude auszeichnen – was im aktuell stark wachsenden Naturweinbereich bekanntlich nicht immer der Fall ist.

Mit dem Etikett Naturwein mag sich Carlos allerdings nicht schmücken – zu unklar ist, was damit eigentlich gemeint ist. Diese Kategorie hat noch keine einheitliche, allgemeingültige Definition, manche Winzer:innen nutzen den Begriff, wenn sie nur wenige oder gar keine Zusätze verwenden, andere bezeichnen damit ihre Orangeweine oder andere traditionelle Herstellungsmethoden. Gefragt, wie er denn seinen Stil bezeichnen würde, antwortet er: naturnah. Eine sympathisch zurückhaltende Einschätzung – jedoch streng genommen auch keine messerscharfe Kategorie...aber wir wollen hier ja nicht päpstlicher sein als der Papst.

Authentischer Wein: wie viele Eingriffe dürfen sein?

Viele Dinge lassen sich auch gut darüber bestimmen, indem man sagt, was sie nicht sind. Bei Carlos merkt man schnell, was er nicht mag: wenn ein Wein »gemacht« ist. Heute kann mit unzähligen zugelassenen Mitteln und Kniffen ein bestimmter Weinstil kreiert und der Geschmack geschliffen und poliert werden. Dabei besteht natürlich immer die Gefahr, dass der genuine Ausdruck des einzigartigen Zusammenspiels von Traube, Weinberg und Klima verdeckt wird – auch wenn die Arbeit im Keller freilich so oder so ein weiterer entscheidender Faktor ist. Die Mittel und Menschen sind dabei nicht immer »böse«, zuweilen kommen beim »Wein machen« schöne Tropfen heraus und vielleicht ist es sogar eine Kunst, eine Art goldenes Rezept zu kreieren. Jedenfalls ist es eine andere Philosophie und das Ganze eine Debatte, die vermutlich nur Enthusiast:innen bewegen dürfte.

Im regulären Sortiment der Adega do Demo finden sich derzeit sieben Weine, die teils der D.O. Ribeiro angehören, teils nicht, wenn die Bestimmungen dies nicht zulassen (die D.O. erlaubt beispielsweise nicht die Herstellung von Rosé-Weinen). Neben einem Rotwein und einem Rosé produziert Carlos fünf Weißweine, von denen drei im Edelstahl ausgebaut werden und zwei im Barrique. Daneben reifen in Flaschen, Korbflaschen und Holzfässern einige hochspannende Experimente, die Carlos in Zukunft in kleinen Auflagen an Weinfreaks verkaufen will. Darunter beispielsweise ein Wein mit Crianza Biologica, der unter einer Florhefe-Schicht reift (Jerez und Jura lassen grüßen) oder ein Wein, der aus den gesammelten Feinhefen aller Adega do Demo-Weine vergoren wird und der so konzentriert und intensiv ist, dass er sich auch Minuten später nicht vom Gaumen lösen will – faszinierend!

Adega do Demo-Weine: Alle Etiketten werden von unterschiedlichen Künstler:innen gestaltet

Der bekannteste und meistabgefüllte Wein der Adega ist der Bitoku, benannt nach dem Koi-Karpfen, der den Bewässerungssee in Carlos größtem Weinberg bewohnte. Der 2020er Bitoku, der im Gegensatz zu anderen Jahrgängen keine malolaktische Gärung durchlaufen hat, ist ein cremigfrischer, sanftpikanter, Frucht hauchender Gaumenschmeichler aus hauptsächlich Treixadura mit etwas Loureira, elegant, kühl mineralisch, im Edelstahl ausgebaut. Man bekommt den Eindruck, dass die feine Säure nach dem Öffnen jeden Tag verspielter wird.

Überhaupt verlieren die Adega do Demo Weine auch Tage nach dem Öffnen nichts von ihrer Substanz. Auch der einzige Rotwein im Sortiment zeigt sich sehr zugänglich. Er wird aus den autochthonen Sorten Caiño, Souson, Brancellao gewonnen und verfügt, wenn das Jahr es zulässt, über mehr Körper und Reife als die sonst eher atlantischen Rotweine des Ribeiro. Der 2019er schlummerte 10 Monate im Barrique, was angenehm dezent die roten, mediterran gewürzten Fruchtnoten bereichert. Der Wein hat durchaus Volumen, bleibt dabei aber leichtfüßig und ist auf hohem Niveau sehr eingängig. Die anderen Weine zeigen sich teils sehr stoffig, dicht, fast dick, und konzentriert im Ausdruck, der Godello-dominierte 11th House (ein Gemeinschaftsprojekt mit zwei weiteren Ribeiro-Weingütern) beispielsweise nach reifer Banane, der Batela do Mino (ein waschechter Gemischter Satz übrigens) nach Ananas, Melone und reifer Birne.

Wie der 2022er Jahrgang wird, bleibt abzuwarten. Extreme Hitze und Trockenheit führten zu Ernteausfällen von 50 bis 60 Prozent. Die verbliebenen Trauben waren kleiner und nicht vollständig entwickelt, da die übermäßige Hitze die Trauben stocken ließen und die Zuckerbildung unterbrachen – die Sorten sind schließlich anderes gewohnt und können nicht mit denen verglichen werden, die in Andalusien angebaut werden, wo solche Hitze normal ist. Das Ergebnis dürften wir erst in einigen Jahren erschmecken, wenn die 2022er Adega do Demo-Weine auf den Markt kommen. Wer kann, sollte einen der in kleinen Auflagen erhältlichen Weine von Carlos probieren. Eine genussreiche Erfahrung.

Weine der Adega do Demo
©Sascha Brandenburg

Dackel und galicischer Wein: bei der Adega do Demo kein Widerspruch.

Carlos in seinem Weinberg
©Sascha Brandenburg

Carlos in einem seiner Weinberge.

Adega do Demo Wappentier ist die Eule
©Sascha Brandenburg

Schwer zu erkennen, aber Eulen scheuen eben das Fotografiertwerden (besonders bei schlechten Fotografen).

Adega do Demo Weinberg mit Miño im Hintergrund
©Sascha Brandenburg

Im Tal funkelt der Miño, der bedeutendste Fluss Galiciens.

Carlos am Rebstock
©Sascha Brandenburg

Ein letzter prüfender Blick vor der Ernte.

Carlos von der Adega do Demo schenkt Wein ein
©Sascha Brandenburg

Carlos experimentiert an einem PetNat - oder Ancestral, wie es in Spanien heißt. Die ersten Versuche können sich schon mehr als sehen lassen.

Zwei Weine der Adega do Demo
©Sascha Brandenburg

Bitoku und Tinto do Demo: die beiden Crowdpleaser der Adega do Demo.

Wein San Fiz
©Sascha Brandenburg

Der San Fiz wurde nach seinem Weinberg benannt. Mittlerweile wird er nicht mehr bewirtschaftet, da die komplett von Wald umgebenen Reben zu häufig von Wildtieren heimgesucht wurden - die wissen eben auch, was gut ist.

Weinetiketten der Adega do Demo
©Sascha Brandenburg

Jedes Weinetikett der Adega do Demo wurde von einer:m anderen Künstler:in gestaltet.

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