Aber zunächst Marion mit einer interessanten Auswahl dieser oft übersehenen Rebsorte. Garnacha Blanca hängt heute immer noch ein eher schlechtes Image an...zu breit, zu wenig Säure, zu langweilig. Das mag auf einfachere Exemplare gelegentlich noch zutreffen, aber vielfach hat das mit der Realität nichts zu tun, wie Marions Garnacha Weißweine zeigen, die von leichten, fruchtbetonten Exemplaren bis hin zu komplexeren, gereiften Garnacha Blancas reichen.
Die jüngeren Weißweine zeichneten sich durch ihre lebendige Säure, Zitrusaromen und florale Noten aus. Im Kontrast dazu standen die gereiften Varianten, die nussige Aromen und eine cremigere Textur aufwiesen. Interessant war auch der Vergleich zwischen den verschiedenen Anbauregionen. Verteten waren Garnacha Weißweine aus Navarra, Kastilien-León, Priorat und Terra Alta. Jedes Gebiet verleiht der Garnacha Blanca seine eigene Note. In diesem Zusammenhang könnte man fast wieder einmal den stark strapazierten Begriff des Terroirs herauskramen - diese Rebsorte kann ihre Herkunft wunderbar widerspiegeln.
Den Auftakt machte der El Gos Blanc 2022 von Cellers Grifoll Declara aus dem Priorat in Katalonien. Er wurde reinsortig aus 100% Garnacha Blanca ausgebaut und die Reben wachsen in 400 bis 500 Metern Höhe auf kalkhaltigen Böden - daher darf er auch die Bezeichnung »Mountain Wines« tragen. In der Nase zeigt der Wein Aromen von weißen Blüten und reifem Steinobst. Passend zur Herkunft zeigt er sich im Mund mit einer gewissen Frische und einer ausgewogenen Säure. Der Abgang ist mittellang und wird von einem dezenten Mandel-Aroma begleitet.
Weiter ging es mit petites estones vom Weingut Estones Vins, auch aus dem Norden Spaniens, das 2008 gegründet wurde. Um genau zu sein stammt der Wein aus dem Terra Alta, das sich im Westen an das Priorat anschliesst. Auch dieser reinsortige Garnacha Blanca ist aus dem Jahr 2022, der sich im Glas zunächst sehr verhalten zeigt. Langsam können sich sehr zarte Aromen von weißem Pfirsich, weißer Johannisbeere und gelber Grapefruit durchsetzen. Im Mund sorgt die gut eingebundene Säure für Frische und unterstützt den Trinkfluß. Easy Drinking mit Freunden auf der Terrasse mit ein paar Oliven - genau hier kann der Wein Spass machen, denn er bringt eine gewisse Leichtigkeit und doch auch Tiefe mit.
Aber sollte Weißwein aus Garnacha Blanca recht jung genossen werden? Nicht unbedingt!
Der nächste Wein in der Verkostungsrunde hat noch ein Jahr mehr auf dem Flaschenhals und präsentiert sich mit 14 % und einer recht hellen Farbe im Glas wieder ganz anders. Der Garnacha Blanca vom Weingut Dehesa de Luna trägt die Herkunftsbezeichnung IGP Kastilien-León. Das Weingut liegt inmitten eines 2.800 Hektar großen Biodiversitäts-Reservates - es verwundert also nicht, dass der Wein nachhaltig und biologisch angebaut wurde.
Genauso verhalten wie die Farbigkeit zeigen sich auch die Aromen in der Nase. Da muss man schon etwas Geduld mitbringen, bis sich die feinen Noten von frischen Kräutern und Zitrusfrüchten bis zur Nase hin wagen.
Doch im Mund kommt dann die Überraschung - Bittermandel, Orangenzeste und pinke Grapefruit laden ein die Lebendigkeit des Weines zu genießen. Durch seinen phenolischen Körper passt er auch gut als Essensbegleiter, was auch direkt ausprobiert wurde. Und wieder eine Überraschung: in Kombination mit Ingwer kommen noch mehr Fruchtaromen hervor.
Für den vierten Garnacha Blanca ist Marion extra noch einmal zu einem anderen Weinhändler gefahren, denn irgendwie hatte sie das Gefühl, es fehlt noch etwas in dieser Verkostung von weißen Garnachas. Mit über 24 € war dies der mit Abstand teuerste Garnacha Weißwein in dieser Runde, aber irgendetwas war so anziehend an ihm, dass er doch den Weg in Marions Einkaufstasche fand.

Der Santa Cruz de Artazu Blanco vom Weingut Bodegas Artazu ist aus dem Jahr 2019, was für einen Weißwein schon nicht mehr ganz so einfach zu finden ist. Die biologisch angebauten Garnacha-Trauben wachsen auf bis zu 600 m hoch gelegenen Weinbergen in der DO Navarra und der Wein wurde mit Holzeinsatz ausgebaut.
Die kräftige Farbe spiegelt sowohl die Ausbauweise, als auch das Alter augenscheinlich wider und auch die Tertiäraromen beginnen sich in der Nase auszubreiten - Sahnekaramell, Nuss und reife Früchte. Der volle Körper zeigt sich auch »stante pede« im Mund - Phenolik, langer Nachhall - genau so hatte Marion sich das vorgestellt.